Pieter Keulen
14 Mrz

Jumpers Knee – Ursache und Behandlung

Kategorie: Medizin, Physiotherapie
Autor: Pieter Keulen

Etwa 20% der Sportler im Alter zwischen 18 und 40 Jahren, die eine Sprungsportart wie Volleyball, Basketball oder Handball aber auch Jogging ausüben, haben eine erhöhte Chance ein sogenanntes Jumpers Knee zu bekommen. Machst Du viele Sprünge? Dann solltest Du das Lesen!

Ursache Jumpers Knee

Die Ursachen eines Jumpers Knees liegen grössten Teils in einer Überbelastung der Patellasehne, zB. verursacht durch zu viele Sprünge, Sprints oder “Stop and Go“ Belastungen. „Jumpers Knee“ kommt aber nicht nur vor bei Sprung Sportarten, auch Jogger können hiervon betroffen sein. Die Ursache auch hier oft in eine zu schnelle Steigung der Trainingsintensität und/oder zu wenig Regeneration.

Bei Sportarten mit Sprungbelastungen wie u.a. Volleyball und Basketball sieht man das Männer zwei bis viermal stärker betroffen sind als Frauen. Die Erklärung zeigte eine Studie von Visnes, Bahr und Couppé (1) wo man feststellen konnte, dass Männer pro Trainingsstunde drei Mal mehr Sprünge ausführen als Frauen.

Symptome

Beim Jumpers Knee ist die Patellasehne, auch Kniescheibensehne genannt, schmerzhaft, speziell wenn man das Knie belastet. Meistens kann der Sportler ziemlich genau die schmerzende Stelle (in den meisten Fällen direkt an der Unterseite deiner Kniescheibe) angeben, somit sind komplizierte Untersuchungen nicht notwendig. Der Arzt oder Physiotherapeut kann anhand der beschriebenen Symptome und der schmerzenden Stelle relativ schnell die Diagnose „Jumpers Knee“ stellen.

In vielen Fällen sieht man diese Verletzungen bei den Mannschaftssportarten anfangs- oder ende Saison. Anfangs Saison sollte man vorerst ein methodisches Kraftaufbauprogramm durchführen, bevor man mit intensivem  Sprungkrafttraining anfängt. Leider ist das oft nicht der Fall und es wird mit einer zu hohen Intensität und Umfang Sprungkrafttrainings durchgeführt. Auch während der Saison ist es wichtig regelmässig auf einen Trainingsblock zurückzugreifen, wo das Krafttraining zentral steht.

Ende Saison sind Sportler bereits ziemlich ermüdet. Da kann es vorkommen, dass auf Grund einer mangelnden Regeneration, fehlende Krafttraining während der Saison oder Trainingsaufbau die Beschwerden am Knie entstehen.

Es gibt 4 Phasen in welchen die Beschwerden sich verstärken

Phase 1          Schmerzen am Ende der Sportaktivität, dies ohne grosse Bewegungseinschränkungen

Phase 2         Schmerzen während und nach der Sportaktivität, das ohne grossen Leistungsabfall während der Sportart

Phase 3         Steigende Schmerzen während und nach der Sportaktivität dies mit starker Beeinträchtigung der sportlichen Leistung

Phase 4         Starke Beschwerden auch bei alltäglichen Aktivitäten. In vielen Fällen wird erst in diesem Stadium Hilfe beim Arzt oder Physiotherapeut  gesucht.

Sehne und Sport

Im Bereich „Sehne und Sport“ haben Jill Cook und Graig Purdam, zwei Australische Professoren, auf diesem Gebiet viel Untersuchungen gemacht. Beiden haben festgestellt, dass es eigentlich drei verschiedene Arten von Sehnenverletzungen gibt:

  1. Die Reaktive Sehnenentzündung

Diese wird meistens durch eine plötzliche zu hohe Belastung auf die Sehnen verursacht. Bei Sprungsportarten bedeutet dies eine ungewöhnliche Erhöhung der Anzahl Sprüngen und beim Jogger zB. eine starke Ansteigung der Laufdistanz, Tempo oder Änderung des Geländes. Diese Sehnenverletzung sieht man hauptsächlich bei jüngere Sportlern.

Beide Untersucher haben festgestellt, dass im Gegensatz was in der Medizin beschrieben war, nicht einen Entzündung die Ursache des Schmerzes ist, aber der Anstieg von Wasser in der Sehne Matrix (Sehnenzusammenstellung)!

Nach der Meinung von Cook und Purdam bleibt die Struktur der Sehne intakt mit nur einer minimalen Änderung in der kollagenen Zusammenstellung. Die Reaktive Sehnenentzündung ist eine „kurzzeit“ Verletzung (wenn es anschliessend richtig Behandelt wird), welche aber für eine Schwellung der Sehne sorgt und dadurch dir das Gefühl gibt, dass deine Sehne sich „Steif“ anfühlt.

  1. Sehnen „Verfall“ (Disrepair) (2)

Diese Pathologie wird hauptsächlich bei Jugendlichen, chronisch überbelasten Sportlern gesehen. Kann jedoch auch bei älteren Personen auftreten. Klinisch ist dies schwierig zu differenzieren gegenüber den anderen Formen von Sehneverletzungen. Auch hier ist die Sehne wieder verdickt mit lokal begrenzten Veränderungen.

  1. Degenerative Sehnenentzündung

Diese Sehneverletzung kommt eher bei den etwas älteren Sportlern vor und/oder bei jungen Sportlern,  welche nach einer reaktiven Sehnenverletzung doch konstant mit Ihre Sportart weitergemacht haben ohne auf Ihren Körper zu hören. Auch hier ist die Sehne verdickt und wenn man mit etwas Gespür über die Sehne geht spürt man kleine „Knötchen“ (Noduli)

Rehabilitation

Wichtig ist, dass man die Beschwerden früh erkennt und möglichst früh reagiert.

Cook und Purdam stellten fest, dass pathologische Sehnen keine Ruhe benötigten! In verschiedenen Studien stellten sie fest, dass die Situation bei verletzten Sehnen sich nicht verschlechtern, wenn man sofort anfing zu belasten!

Noch interessanter ist die Aussage von Dr. Sean Docking der mittels MRI feststellen konnte, dass „entzündte“ Sehnen mehr gesundes Bindegewebe besitzen als eine normale Sehne. Also genau das Gegenteil vondem, was wir früher immer gedacht haben! Dieses steht praktisch gegenüber vielen Erkenntnissen die man aus vergangen Jahren kennt wo Begriffe wie Ruhe, Entlasten, vorsichtig sein, zentral standen.

Möchtest du mehr zu dieser Aussage erfahren, dann lade ich dich gerne ein, das Videointerview mit Sean Docking anzuschauen wo er mehr dazu erklärt.

Komm ich wieder zurück zur eigentlichen Rehabilitation.

In der ersten Phase haben isometrische (starke Muskuläre Beanspruchung ohne Bewegung) Trainingsformen sich bewertet (Sehe Bild) Gemäss Dr. Ebonie Rio haben isometrische Belastungen gezeigt, dass Sehnenschmerzen durch diese Trainingsform verschwinden und die Muskulatur erhalten bleibt. Empfohlen wird diese Position für 45 Sekunden zu halten und dies 5-mal zu wiederholen. Zwischen jeder Wiederholung hast du 2 Minuten Pause. Dieses Programm solltest du 4 Mal täglich durchführen.

Wichtig ist, dass du nach diesem Training 24 Stunden auf die Reaktion wartest. Haben die Beschwerden sich gesteigert solltest du deinen Plan ändern. Dies kann bedeuten dass du die Belastungszeit oder die Anzahl Wiederholungen anpasst. Im Schema von Thommeeé und Silbernagel kannst du sehen, dass sogar mit einer Schmerzskala von 4-5 es noch akzeptabel ist zu trainieren!

 

Sind die Beschwerden aber nicht schlimmer geworden dann solltest du die Belastungszeit oder Anzahl Wiederholungen langsam steigern oder ein Zusatzgewicht nutzen.

In der zweite Phase kannst du für die Patellasehne ein Übung wie die Beinstrecker (Leg Extension) hinzufügen. Obwohl man in der Physiotherapie skeptisch über die positive Wirkung dieser Übung war (und ehrlich gesagt auch bei mir) haben Studien von Dr. Rio gezeigt, dass beim Beinstrecker die Sehnenschmerzen sich nicht verstärkten.

Beim Beinstrecker wird Empfohlen, während 3 Sekunden konzentrisch anzuspannen (strecken von Kniegelenk) darauf gefolgt ein 4 Sekunden Exzentrische Phase (langsam zurück, unter Anspannung, in die Beugung). Dies macht man dann jeweils 4 Serien von maximal 8 Wiederholungen mit einer Serienpause von 2 Minuten. Intensität 70% von 1 Wiederholung Maximum. Also mit grosse Belastungen.

Gemäss Prof. Graig Purdam könnte dein Wochenplan (Kombination erste und zweite Phase) folgendermassen aussehen.

Montag         Hypertrofie/Krafttraining

Dienstag       Isometrische Kraft

Mittwoch      Hypertrofie/Krafttraining

Donnerstag   Isometrische Kraft

Freitag           Hypertrofie/Krafttraining

Samstag        Isometrische Kraft

Sonntag        Optional

Dritte Phase und vierte Phase

Nach das du deinen Beinmuskulatur aufgebaut hast ohne dabei die Sehne zu reizen kommt in die dritte Phase die Schnelligkeit und die zgn. „Elastische Funktion“ der Sehne (zB. Sprung- Sprinttraining) dazu. Anfangs sind es 2 Beinige Sprünge später 1 Beinige Sprünge.

Auch hier zeige ich dir gerne ein Wochenplan Vorschlag welche Prof. Purdam vorgeschlagen hat am Sportphysio Symposium 2017 in Bern (3).

Montag           Hypertrofie/Krafttraining

Dienstag         Schnelligkeit/Sprungkrafttraining

Mittwoch        Isometrische Kraft

Donnerstag    Hypertrofie/Krafttraining

Freitag            Schnelligkeit/Sprungkrafttraining

Samstag         Isometrische Kraft

Sonntag         Optional

 In allen Phasen kann der Physiotherapeut neben dem Kraft- und Aufbautraining für die Beine aber auch Kraft- und Stabilitätsübungen für den Rumpf durchführen.

Was häufig durchgeführt wird sind Dehnungsübungen. Es hat sich herausgestellt, dass dies insbesondere in der reaktiven Phase kontraproduktiv ist.

Operation, ja oder nein?

Eine Option die der Chirurg schlussendlich bei chronischen Verletzung zur Verfügung steht ist ein operativer Eingriff. Cook und Purdam (2) stellten fest, dass die „Return to Sports“ aufs alte Niveau bei 50-80% liegt. Diese Resultate sind jedoch nicht besser als Patienten die  intensiv mittels die in die drei oberen Phasen beschrieben worden sind. Jedoch für chronische Sehnen Patienten ist es eine Option. Eine Operation kommt also nur in Betracht, wenn alles andere gefehlt hat.

„Return to Sports“

Erst wenn der Sportler wieder in der Lage ist einbeinige Sprünge und „High Intensity Sprints“, ohne Beschwerden zu machen, darf der Sportler wieder zurück auf das Spielfeld. Auch wenn der Sportler wieder zurück auf dem Platz ist, sollte er aber unbedingt mit Regelmass sein Kraftprogramm und Isometrisches Training durchführen!

Wie Du siehst ist dies eine langwierige Verletzung. Dafür ist es unheimlich wichtig ein gutes durchzuführen. Deine Trainings und Wettkämpfe gut zu planen und dafür zu sorgen, dass auch die Regeneration eine wichtige Rolle spielt.

Zum Schluss

Im Rehabilitationsphasen Modell sind bewusst wenig Zeitangaben formuliert. Da die Beschwerden für jede Person anders sind, sollte man mit Zeitvorgaben vorsichtig sein. Lieber bleibst Du etwas länger in einer Phase anstatt die Sehne erneut zu forcieren, da man sonst wieder von vorne anfangen muss. Für breite und Hobby Sportler sollte ein absolut mindest Zeit von 6 Wochen eingehalten werden. Es gibt sogar Fälle wo man bis zu einem Jahr in der Rehabilitation ist.

Quellen

  1. Sportphysio, November 2017, Sehnen im Sport. Titel: Jumpersknee in Volleyball. Autoren Visnes, Bahr und Couppé. Seite 168-172
  2. “Is tendon pathology a continuum? A pathology model to explain the clinical presentation of load-induced tendinopathy” Autoren: Jill Cook und Graig Purdam. Britisch Journal of Sportmedicine. Volume 43, Issue
  3. Symposium Tendon and Sport, Sportphysiotherapie Kongress November 2017 Bern

 

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