Pieter Keulen
9 Nov

Burn Out bei Jugendlichen – das Leben in einem Kriegsfeld

Kategorie: Allgemein, Gesundheit
Autor: Pieter Keulen

Ich betreute einen Patienten, in diesem Blogbeitrag nenne ich ihn Adrian. Er landete bei mir in der Physio. Er wurde wegen seinen Rückenbeschwerden angemeldet, sein grösseres Problem war sein Selbstmordversuch nach einem Burn Out.

Mit 20 Jahre steht Adrian am Anfang seines Lebens und doch hat er bereits einen sehr schweren Rucksack zu tragen. Seine Lebensgeschichte beschäftigte mich sehr.

In anderen Blogbeiträgen, habe ich mich bereits zu den Themen Leistungsdruck und Fitness und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen geäussert. Der Fall von Adrian hat einmal mehr aufgezeigt, dass „wir“ (die Gesellschaft) auf dem völlig falschen Weg sind mit unserem Leistungsdenken. Warum? Lass dich konfrontieren mit ein paar Fakten, die ich zusammengetragen habe.

Auf der Website von „Sorgentelefon“ kannst du lesen, dass sich in der Schweiz jeden 3. Tag ein Jugendlicher das Leben nimmt. Rund 9000 Jugendliche machen pro Jahr einen Selbstmordversuch und überleben ihn. Als Grund wird angegeben, dass „man sich in der Familie als letzter Dreck fühlt und/oder ein Versager in der Schule ist“.

Ich bin überzeugt, dass unser Schul- und Leistungssystem völlig veraltet ist. Mit Sicherheit vertritt es nicht die Interessen von unseren Kindern und deren Zukunft. Unsere Leistungsgesellschaft führt dazu, dass immer mehr Jugendliche unter Depressivität und Burn Out leiden.

Ja, Burn Out ist längst kein Begriff mehr, den man nur unter Managern kennt. Er kommt auch bei unseren Kindern vor. Professor Michael Schulte-Markwort, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und –psychosomatik am Universitätsklinikum Eppendorf meint dazu, dass 6-8% aller Kinder unter Depressionen leiden.

Weiter meint Professor Schulte: „Es gibt eine Fülle von Berufswegen und Ausbildungsmöglichkeiten. Aber wir geben unseren Kindern keine Anleitung dafür, wie sie ihr Lebensglück finden können.“

Nun könnte man denken, dass die Kinder durch ihre Eltern zu stark gefordert werden. Wird da ein nächster Albert Einstein erwartet? Dies ist weniger der Fall. Als Gegenmittel setzen sich die Kinder von ihren Eltern ab, sie rebellieren … Kommt dir dies bekannt vor?

Jugendliche, die in die Sekundarschule oder in die Kanti gehen, sind zwischen 32 und 36 Lektionen pro Woche in der Schule. Dazu kommen noch Hausaufgaben, es warten weitere Anforderungen im Bereich Musik, Sport und Freizeit. Man kann also sagen, das unsere Kinder eine vollständige Arbeitswoche absolvieren, …., und das mit 13-14 Jahren.

Braucht es da nicht eine Entschleunigung?

Hausaufgaben für Jugendliche sind für die gesamte Familie ein ständiger Kampf. Ich habe mit vielen Eltern gesprochen. Alle erwähnen, wie stressig es für die Familie ist nach dem Schulunterricht Hausaufgaben zu erledigen. Ich weiss nicht wie es bei dir ist. Wenn du den ganzen Tag im Büro warst, was machst du dann am Abend? Setzt du dich nochmals an den Bürotisch? Die meisten lassen es wohl bleiben!

So las ich ein Zitat von Herbert Renz-Polster, er ist Kinderarzt und Wissenschaftler an der Universität Heidelberg. Er schreibt: „Eine Generation, die zunehmend in den besten Lebensjahren mit Burn-out zu kämpfen hat, entwirft für ihre eigenen Kinder einen Lebensweg mit noch mehr Tempo, noch mehr Leistung, noch mehr „Förderung“. Sie funktioniert Kindergärten zu Schulen um, weil sie glaubt, Kinder, die früh Mathe lernen, seien schneller am Ziel …. Moment einmal, an welchem Ziel?

depression

Unser Leistungssystem ist falsch und idiotisch. Wollen wir das System ändern? Es gibt viele Stimmen, die nach Änderung schreien. Es wäre an der Zeit, sich Gedanken zu unserer Lebensweise zu machen? Ein grosser Schritt vorwärts wäre, und davon bin ich felsenfest überzeugt, erst einmal die Hausaufgaben abzuschaffen. Schule ist Schule, Freizeit ist Freizeit.

Wie geht es Adrian?

Er war einverstanden, dass ich seine Geschichte nutze um dich auf dieses Thema aufmerksam zu machen, ohne Details zu nennen. Adrian erwähnte, dass er in der Schule kein „Einzelfall“ war. Es gibt eine Vielzahl von Jugendlichen, die genau wie Adrian nicht klar kommen mit ihrer Situation! Die hohe Erwartungshaltung, der ständige Leistungsdruck, wenig Selbstvertrauen – dies lässt Jugendliche verzweifeln. Und dies müsste nicht sein!

Wie sieht er seine Zukunft? Noch hat er sich keine Ziele gesetzt, momentan macht er kleine Schritte und schaut von Tag zu Tag, dass er vorankommt. Er kämpft auf seinem persönlichen Kriegspfad, wie er dies selber nennt …

Persönliche Anmerkung

Wie geht es nun weiter? Lassen wir unsere Kinder weiter zu Tode rennen oder kommt es zu den gewünschten Veränderungen? Wenn dich dieses Thema interessiert und beschäftigt, dann sprich mit anderen Menschen darüber!  Gib deine Meinung weiter und diskutiere sie! Ich wünsche mir, dass mein Beitrag von einer Person gelesen wird, die die Möglichkeit und Kompetenz hat, etwas zu ändern. Dies hoffe ich von ganzem Herzen.

Ich beende diesen Beitrag mit einem afrikanischen Sprichwort: „Der Rasen wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht“. So ist es genau mit Jugendlichen, sie brauchen Zeit, Liebe und Fürsorge, so dass in Zukunft ein schöner grüner Rasen entsteht, der sich langsam entfalten kann.

Wenn du zu Burn Out oder Stress mehr Informationen möchtest, wenn dich interessiert, wie man diese Probleme vermeiden könnte, dann gibt es im Internet viele Plattformen.

Ich empfehle die Website über Burn Out und Mobbing

 

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One thought on “Burn Out bei Jugendlichen – das Leben in einem Kriegsfeld

  1. Der Leistungsdruck steigt ständig, da gebe ich dir recht. Ich kann mir gut vorstellen die Hausaufgaben ab kommendem Schuljahr abzuschaffen, da dann die Kinder nochmals 2 Lektionen mehr Unterricht haben pro Woche.

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