Schmerzen – Warum man den Patienten behandeln sollte und nicht seine Schmerzen

In der Physiotherapie und der Medizin redet man oft über Schmerzen, “Wie geht es heute mit Ihren Schmerzen?". "Haben Sie noch Schmerzen gehabt nach Ihrem letzten Training?“ oder „Wenn ich da drücke, schmerzt es dann?“. Hast Du das Gefühl, dass wenn du über Schmerzen redest, es den Patienten besser geht? Warum ich nicht primär Schmerzen behandle aber den Patienten, das tue ich dir in diesem Blog erklären.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein. In den 5 Jahren, wo ich die Sportschule in Heerenveen (Holland) absolvierte, stand der „bewegende Mensch“ im Mittelpunkt. Der Slogan von „Du kannst!“ war alltägliche Gegenwart. Man kann alles. Man muss sich aber dafür einsetzten Ziele zu erreichen.

Als ich dann später die Physiotherapie Ausbildung absolvierte, fiel mir als erstes auf, dass jeder Mensch eine „anatomische oder pathologische Abweichung“ haben muss: steht das Becken gerade, hat er eine Wirbeldrehung (Skoliose), stehen die Schultern gerade, hat er Plattfüsse und so weiter. Dies war für mich total Neuland. Bald stellte ich einen grossen Konflikt zwischen den Gedanken der Sportschule und den Physiotherapiegedanken fest: „Was sind deine Beschwerden und wo schmerzt es?“

Bald ärgerte ich mich über die Physiotherapie Ausbildung. Die Gedanken jeden Menschen „gerade“ zu machen, Schulter nach hinten, Brust nach vorne, Becken nach hinten kippen, dann am liebsten auch noch den Patienten berühren um ihm die Hände in eine „normale“ Position zu manövrieren und dann sagen „So sollten sie stehen“, passte mir ganz und gar nicht, und immer noch nicht….

Auch die andauernden Fragen nach Schmerzen: „Wo haben Sie Schmerzen?, "Welche Art von Schmerzen haben Sie?",Haben Sie noch Schmerzen gehabt nach der letzten Behandlung?“, sind immer wieder zurück kommende Fragen mit denen ich manchmal Mühe habe.

Sicher kann es sinnvoll sein diese Fragen zu stellen aber ich kann mir auch gut vorstellen, dass wenn ein Patient dauernd Fragen beantworten muss, es ihn auch nicht glücklicher macht.

So kann man auch den Patienten fragen: „Geht es Ihnen heute besser?!“ anstatt „Wie geht es heute Ihren Schmerzen?“. Es tönt sicher anders, positiver. Meinst du auch? Oder: „Hat das Training Ihnen gut getan?“ Oder: „Super, Sie haben das Training sehr gut absolviert!“

Übrigens, wie ein Patient Schmerzen erlebt ist für jeden wieder anders. So kann es gut sein, dass ein Bewohner rund um das Mittelmeer Schmerzen anders erlebt, als eine Bauerfrau aus dem Luzerner Hinterland. Verstehst du was ich meine? Schmerz ist ein individueller Zustand, welcher von jedem Menschen anders erlebt wird.

Auch der emotionelle Zustand eines Patienten spielt eine sehr wichtige Rolle. Du kannst dir sicher vorstellen, dass wenn ein Patient zu uns kommt, kurz nach einer Trennung, nach Verlust von seinem Arbeitsplatz oder nach dem Tod seiner Partnerin, es ihm bestimmt anders geht und sein Empfinden bedeutend anders ist als in einem total glücklichen Lebensabschnitt.

Ich bekomme den Eindruck, dass je öfter wir Therapeuten über „die Schmerzen“ reden, desto grösser werden die Schmerzen. Nicht die Schmerzen sollten im Reha-Training im Zentrum stehen, sondern viel mehr die Begriffe Belastbarkeit, funktionelles Training, individuelles Training an der Belastungsgrenze und so weiter.

Auf Grund von „Evidence Based Practise“ bin ich davon überzeugt, dass bei wiederholten Trainingsbelastungen, welche auf den Patienten abgestimmt sind, sein Körper sich wunderbar an die neuen Belastungen anpasst und dass der Körper im Verlauf der Zeit wieder belastbarer wird und die Schmerzen abnehmen. Dies alles hat mit der Anpassung des Bindegewebes, mit der Strukturierung des verletzten Gewebes aber auch mit einem „Feel Good“ Gefühl von den Patienten am Ende des Reha-Trainings zu tun. Bei einem gut aufgebauten Trainingsprogramm merkt der Patient, dass es ihm gut tut.

Ein Patient, der Beschwerden hat, sollte in einem möglichst positiven Umfeld an seiner Gesundheit arbeiten. Ich bin davon überzeugt, dass die Selbstheilungskräfte einiges besser funktionieren als wenn ein Patient in einem Umfeld ist, wo nur über Schmerzen und alles was nicht nach „der Norm“ funktioniert geredet wird.

Bemerkung: Sicher muss man jeden Patienten wieder Individuell betrachten und man kann nicht für all unsere orthopädischen Patienten generalisieren. Jedoch ein Umdenken, ob man nun die Schmerzen oder den Patienten behandelt, wäre meiner Meinung nach wichtiger

Pieter Keulen

Autor: Pieter Keulen


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Kategorie: Medizin
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