Pieter Keulen
21 Mai

Kinder leben ungesund – Ach, was soll‘s…

Kategorie: Allgemein, Gesundheit
Autor: Pieter Keulen

Ich bin schon ein bisschen ernüchtert nach 20 Jahren, weil ich mich immer wieder für die Gesundheit unserer Jugend einsetzte. Ich musste feststellen, dass unsere Gesellschaft leistungs- und wirtschaftsorientiert ist, wo anscheinend nur Gewinne zählen. Für Kinder zählen in der Schule die Noten, zählt auch die Gesundheit und das Wohlbefinden? Da stelle ich mir doch die Frage: Wer kümmert sich WIRKLICH um das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen?

Wir wissen es doch alle. Statistiken zeigen uns fast täglich: Kinder werden immer dicker, sitzen zu viel hinter dem PC, bewegen sich zu wenig und es gibt zu wenig Turnstunden in der Schule. Die Gesundheitskosten steigen, sowie Diabetes, Rückenbeschwerden, Herz/Kreislauf Erkrankungen (bereits in sehr frühem Alter). Nichts Neues…. Theoretisch wissen wir angeblich alles, das Problem; kaum jemand der Entscheidungskompetenzen hat, interessiert sich oder hat den Mut dies mal richtig anzupacken…

Als Sportlehrer und Physiotherapeut stellte ich fest, dass unsere Kinder immer weniger fit sind, dass sie mit angeblich einfachen Handlungen bereits Mühe haben und dass es durch den Bewegungsmangel immer mehr übergewichtige Kinder gibt.

Bewegung Kinder

Bewegung Kinder

Im Jahr 2002 entschloss ich mich das Projekt Fit@School zu starten. Ziel dieses Programmes war:

  • Sport und Bewegung in den Schulen fördern
  • Ein muskuläres Ungleichgewicht vorzubeugen
  • Körperbewusstsein (Body Awarness) zu steigern
  • Konzentration nach einer kurzen Bewegungspause zu steigern
  • Mittels 5-minütigem Auflockerungsprogramm, bestehend aus Dehnungs-, Kräftigungs- und Koordinationsübungen möchte ich, dass Jugendliche von kurzen Bewegungspausen profitieren können.

Neben diesem Bewegungsprogramm hatte ich einen Gesundheits-Check-up entwickelt, wo man die “Ist-Werte” mit den „Norm- Werten“ vergleichen konnte. Zusätzlich konnte man auch die Fortschritte protokollieren.

Im Jahr 2002 startete ich damit Schulen zu kontaktieren um dieses Programm Schulrektoren vorzustellen. Jedes Schulhaus hat obligatorische Weiterbildungen für Lehrer und mein Ziel war es dieses Programm da vorzustellen und die Lehrer dafür zu begeistern dies in den Schulalltag zu integrieren.

Für den 1 ½-stündigen Workshop verlangte ich 200.- Franken. Ganz gratis wollte ich dies nicht machen weil du vielleicht das Sprichwort kennst: „Wenn es nichts kostet ist es auch nichts wert“. Aber 200.- Franken waren meiner Meinung nach wirklich nicht allzu viel….
Trotzdem war dies bereits für viele Schulhäuser eine sehr grosse Hürde….

Weiterbildung Fit@School

Weiterbildung Fit@School

Doch kam es soweit, dass 3 Schulen sich bereit erklärten meinen Workshop anzuhören. Es war ein absoluter Erfolg! Der Erfolg lag darin, dass es praxisnah und einfach ist UND es bedeutet für den Lehrer keinen extra Aufwand, da die Bewegungspausen durch die Kinder organisiert und durchgeführt werden!

Durch das Feedback dieser 3 Schulhäuser und die „Mund zu Mund“ Werbung kamen auch einige anderen Schulen dazu.
Nachdem ich dann etwa 12 Schulhäuser besucht hatte, überlegte ich mir wie das Fit@School Projekt sich breitflächiger etablieren könnte. Ich hatte die Idee, dass wenn ich mehr Unterstützung erhalten würde es dem Projekt sicher nicht schaden würde. So entschloss ich Kontakt mit diversen offiziellen Instanzen aufzunehmen, die sich mit Jugend und Sport beschäftigen.

Als erstes konnte ich Kontakt aufnehmen mit dem BASPO (Bundesamt für Sport). Da bekam ich die Antwort, dass das Fit@School ein tolles Projekt ist aber jetzt nicht der richtige Moment war (als ich sie 2 Jahre später noch einmal kontaktierte, sagten sie mir erneut das Gleiche; „es ist momentan nicht der richtige Zeitpunkt….“)

Daraufhin nahm ich Kontakt mit der Gesundheitsförderung Schweiz auf. Da war alles „ein bisschen schwierig“, weil sie angeblich mehrere Projekte haben und sie müssen abklären, ob das Fit@School Projekt ein Thema wäre. Danach hörte ich leider nichts mehr von den verantwortlichen Personen.

Dann bei der RADIX konnte ich immerhin noch bewirken, dass ich das Fit@School Projekt mittels einer Publikation in ihrem Magazin vorstellen durfte.

Da dachte ich mir, okay, wenn ich keine Unterstützung von diesen Instanzen bekomme, dann probiere ich doch die Unterstützung von Krankenkassen zu bekommen. Vielleicht ein bisschen naiv dachte ich mir aber die Krankenkassen sind sicher interessiert daran wenn sie sich für die Gesundheit der Jugend einsetzen können. Ich hatte dann auch ein Sponsoring Konzept erstellt, wo man als Krankenkasse dieses Projekt unterstützen konnte und dies für einen minimalen Betrag.

Mein Ziel war es mit diesen Geldern Publizität zu gewinnen und so das Projekt weiter zu fördern. Bei Helsana und Swica kam ich nicht weiter als ein Telefongespräch, bei der ÖKK kam es zu einem Termin aber auch das war erneut „nicht der richtige Zeitpunkt“ und bei der CSS kam es ziemlich dick. Im Gespräch mit der verantwortlichen Person fragte er mich; „Wie viele neue Kunden können sie uns garantieren Herr Keulen, wenn wir als Sponsor einsteigen?“ Aha, dachte ich mir, es geht also wieder nur um den Gewinn von neuen Kunden…
Ich erklärte ihm ganz ruhig, dass ich ihm keine Garantie geben kann aber ich könnte ihm garantieren, dass die CSS die erste Krankenkasse sein würde, die sich für die Jugend einsetzen würde. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört…

Auch ein Gespräch mit der verantwortlichen Person für die Volksschulbildung Kanton Luzern, brachte nichts neues. Sprüche wie; „Das ist ein tolles Projekt das sie da haben Herr Keulen“ und „Ich schaue wo ich sie unterstützen kann Herr Keulen“ brachten schlussendlich gar nichts ausser viele solcher Sprüche…

Bewegung für Kind und Eltern

Bewegung für Kind und Eltern

All diese Gespräche haben mir in etwa ein ½ Jahr Zeit gekostet und ich war noch keinen Strich weiter.

Selbstverständlich überlegte ich mir andauernd; „Was mache ich nun falsch?“. Die Schulen sagten mir andauernd ich sollte mit den Kantonen, Versicherungen und Behörden reden, weil es ein tolles Projekt ist und von der anderen Seite bekam ich zu hören; „Keine Zeit, kein Geld, momentan schlechter Zeitpunkt“ und noch 20 andere Ausreden.

Da wurde mir bewusst, keiner interessiert es!
Leistung und wirtschaftliches Denken ist einiges wichtiger als das körperliche und mentale Wohlbefinden unserer Jugend….

Ob ich frustriert war, JA, natürlich war ich frustriert, weil diejenigen, welche beauftragt werden dieses Problem anzugehen, hocken in ihren Büros und schreiben weiter an ihren Berichten und Wissenschaftliche Studien anstatt das zu tun was sie eigentlich machen sollten!

Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass man nicht alle Projekte berücksichtigen kann. Was ich aber nicht verstehe ist, dass man es sich gar nicht anhört worum es geht und was es beinhaltet. Ich bin der Meinung, dass man mindestens einmal anhören kann worum es geht und offen dafür ist.

Jetzt fragst du dich vielleicht, ob ich dann gar nichts erreicht habe?
Nachdem mir klar war, dass ich von den Behörden nichts erwarten kann, bin ich alles selbständig angegangen.
Ich bekam Unterstützung von dem Schweizer Physiotherapieverband und konnte dieses Projekt 800 Physiotherapeuten mittels Workshops näher bringen. Ich durfte 65 Multiplikatoren ausbilden, die dieses Projekt in über 14 Kantonen in der Schweiz durchgeführt haben. In total arbeiten in etwa 9000 (Lehr)Personen mit diesem Bewegungsprogramm. Alle Schulen in Luxemburg arbeiten mit dem Fit@School Projekt sowie Schulen in Deutschland und Österreich.

Aber es war Knochenarbeit!

Was ich mir wünsche?
Ich wünsche mir, dass verantwortliche Personen sich endlich mal ernsthaft anfangen einzusetzen für die Gesundheit der Jugendlichen und dies auf allen Fronten: Ernährung, Bewegung, die Wichtigkeit von Sport und Bewegung im Unterricht und Eltern hinweisen, wie wichtig ihre Vorbildrolle ist. Dabei brauchen wir motivierte Menschen und nicht Theoretiker, weil wir bereits ein 1000-faches Wissen haben, dass es um die Kondition und Fitness bei Jugendlichen schlecht steht. Wir haben das Know-How, was wir aber brauchen ist das DO-HOW!

Nun nach 10 Jahren habe ich vorläufig das Projekt Fit@School beendet. Selber bin ich sehr froh, dass ich einen kleinen Beitrag leisten konnte und hoffe, dass ich durch die vielen Vorträge und Workshops Lehrpersonen und Eltern begeistern konnte sich noch mehr einzusetzen für die Gesundheit unserer Jugend.

Zum Schluss
Im  Laufe der Jahre habe ich mit diversen Sportlehrern, welche in Schulen tätig sind gesprochen. Alle erkennen die Probleme, welche Kinder und Jugendliche haben. Diese Sportlehrer werden aber immer wieder konfroniert mit Sparmassnahmen. Gekürzt wird dann immer wieder beim Sport. Dies führt immer wieder zu starken Frustrationen bei den Sportlehrern. Wenn ich dann die Frage an sie stelle, warum sie dann nichts dagegen unternehmen höre ich oft die gleichen Antworten, sie haben Angst um ihren eigenen Job!

Da ich nicht beim Bund oder Kanton angestellt bin, ist mir dies egal und ich schreibe hier meine Meinung dazu. Wir rufen doch alle „Gesundheit ist das Wichtigste was wir haben!“ Also, lassen wir uns auch danach handeln!

 

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9 thoughts on “Kinder leben ungesund – Ach, was soll‘s…

  1. Spannender Beitrag, wenn auch sehr ernüchternd…als Mutter von zwei Buben und Physiotherapeutin trifft er genau meinen Puls. Ich war erst kürzlich auf der Suche nach den fit@school Weiterbildungen und bin nicht fündig geworden. Gibt es noch Möglichkeit das Konzept zu erlernen?

    • Hallo Katrin, danke für Dein Feedback! Im Jahr 2012 habe ich den (vorläufig) letzten Fit@School-Vortrag gegeben. Auch die Schulungen in Zusammenarbeit mit dem Physiotherapie-Verband haben wir beendet. Ich kann Dir also keine Weiterbildung mehr anbieten. Das heisst aber nicht, dass Du nicht als Physiotherapeutin Schulen besuchen kannst, um Dein Know How weiter zu geben! Viel Erfolg!

  2. Der Fortbildungsmarkt für Schulen und Gesundheit ist in fast staatlichen Händen. Die lassen sich ihre verordneten Burnout-Prophylaxen et cetera nicht nehmen. Selbstverantwortung wie Sie es, von den Schülern übernommen propagieren, ist da nicht gefragt. Es heisst, dass die Arbeitgeber und die Sparmassnahmen in Schulen Schuld an der ungesunden Bevölkerung sind.
    Diese Schuld- und Opferzuweisung lässt Initiativen wie Ihre im Regen stehen. Selbstbestimmung und Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit muss darum (gemäss dieser Ansicht) verordnet sein!
    Ich wünsche Ihnen Kraft und Durchhaltewillen. Es kommen andere Zeiten.

    • Guten Tag Herr Hürlimann. Besten Dank für Ihr Feedback!
      Ich bin mir nicht sicher, ob wir bessere Zeiten erleben werden. Dafür sind der politische Druck, International gut dazu stehen, und die wirtschaftlichen Belangen zu gross.
      Man ist leider immer noch der Meinung, dass Jugendliche zu (über)-fordern immer noch die beste Lösung ist…
      Gerne lade ich Sie ein, folgenden Beitrag zu lesen und dann insbesondere den Link zu Ken Robinson an zuschauen; http://www.mtc.ch/blog/2014/10/warum-koennen-kinder-nicht-still-sitzen/

  3. Wir leben alle ungesund! Was aber ist gesund? Eine Balance, die uns unser Körper gibt. Wir werden jedoch gerade in der heutigen Zeit dazu ermahnt, unseren Nachwuchs mit Samthandschuhen anzufassen. Kinder dürfen sich nicht mehr austoben und wenn sie mal gestossen werden, dürfen sie nicht mehr zurückstossen, sondern müssen das melden. Bei Zuwiderhandlung gibts Hausordnungen. Versammeln sich die Kinder irgendwo, wird es gemeldet, sitzen sie zu Hause, passts auch nicht. Es müsste im Bestreben der Gesellschaft sein, aus unseren Kindern endlich wieder ganz normale Menschen zu machen und nicht angepasste kleine Schosshunde, die möglichst nie auffallen und sich in der Menge verstecken. Dort sitzt nämlich unser Problem. Die sollen etwas leisten, aber sie sollen sich auch austoben. Sie sollen gemäss der heutigen Zeit am Computer sitzen, aber sie sollen auch ihre eigene Kreativität – auch wenns manchmal ungemütlich für die Erwachsenen ist – ausleben und sie sollen Grenzen suchen. Aber genau das verbieten wir. Schade!

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